Die neue Offenbarung.
Ein Cabrio aus einer markanten, 100%igen Geländewagenkarosse. Mit einem Verdeck, so nach italienischem oder französischem Zuschnitt über einen Klapp-Mechanismus bestehend aus unverkopfter japanischer Knappheit. Das wär was! Aber Bitteschön – da ist er: der Land Rover Defender.
Haben Sie schon einmal einen Defender-Softtop gestrippt? Oder konnten Sie diesem Ereignis wenigstens einmal beiwohnen, sei es als Zuschauer oder als Mitglied des Helferteams? Nein? Da haben Sie was verpasst. Eine kurzweilige Unterhaltung für die ganze Familie. Da müssen erst unzählige Knoten aufgedröselt, etwa sechs Meter Schnur ausgefädelt, eine Vielzahl von Laschen aus Ösen gezerrt werden, bis die Baustellen-Abdeckplane herunterkann. Dann ragt noch die Kleinigkeit von rund zwölf Metern verzinkten Stahlrohrs in den Himmel. Zwei Längsspriegel, vier vertikale Stützen, drei Dachformspriegel oben und zwei Längsbleche über dem Türrahmen. Dem Gerüst aus Stahl kommt man nur mit Werkzeug feinster Sortierung bei. Zeitaufwand: etwa ein halber Arbeitstag.
Ein Planenwagen mit sieben Siegeln. Zum Oben-ohne-Spaß nicht zu gebrauchen. Ein Cabrio-Muster ohne Wert. Land Rover Deutschland sieht das ähnlich und bietet es zum Ladenhüterpreis von 42 800 DM an. 5000 DM billiger als den geschlossenen 90er-Station.
Aber jetzt kommt die Wende, von Moll zu Dur, von der Finsternis ins Helle: Das Land Rover-Autohaus Kilzer macht aus dem Bauwagen ein Cabrio. Ein hinreißend schickes, so oder so. Ob sonnendurchflutet offen oder zugeknöpft bis obenhin: ein Genuss für die Sinne. Zustand eins, dem Himmel so nah, und Zustand zwei, völlig dicht, werden getrennt von gerademal zwei Minuten. Wo gibt’s das? – in Crailsheim. – Wo liegt das? – in Deutschland.
Stimmt nicht ganz, denn das Cabrio-Verdeck wird aus Frankreich geliefert, von der Firma Challenge C&R, den Zusammenbau besorgen die Hohenloher, die auf Wunsch auch den Bausatz anbieten. Die Rechnung ist simpel: Die 42 800 Mark für einen 90er mit Serien-Bauwagenplane sind eine fragwürdige Geldanlage. Es sei denn, man trägt noch einmal 6 500 Mark nach Crailsheim, dann wird daraus ein Auto. Eins, bei dem man dreimal überlegt, ob man jetzt wirklich noch immer einen geschlossenen Wagen haben will, der nur ein paar Mark billiger wäre. Für 49 300 Mark bekommen Sie das Traum-Cabrio, für 47 400 Mark den Station. Wobei man nach Abschrauben des Hardtops aus dem Station auch einen Offenen zaubern kann und im Winter wieder zurück.
Bedenken, dass der Verdeckstoff nicht wintertauglich sein könnte, bestehen allerdings nicht. Er fühlt sich an wie die bekannte Sonnenland-Qualität, die man von den edlen Offenen aus Stuttgart kennt. Bei einem Test im Sommer lässt sich mehr auch nicht sagen. Von einem Gewitter-Regenschauer bleiben Tuch und Dichtungen unbeeindruckt, was man von vielen Defender StationWagon nicht behaupten kann.
Wie man das Kleid abstreift, ist schnell erzählt. Nach Öffnen des Arretierhebels über der Windschutzscheibe und Abziehen von vier Teenax-Knöpfen kann man das Verdeck komplett nach hinten klappen. Nun noch die Seitenteile nach innen falten und die Persenning drüberziehen. Sie muss mit neun Teenax-Knöpfen vertäut werden, und fertig ist der Blickfang. Mit der Persenning muss man leben.
Die großen Stoff-Flächen der Seitenteile würden ohne sie gar furchtbar im Wind flattern.Sie ist aber optisch nicht vergleichbar mit den ausladenden Zirkuszelten à la VW-Käfer.Als Variation zum Komplett-Strip lässt sich die Heckplane mit zwei Reißverschlüssen öffnen und hochrollen. Ein Ausknöpfen von Seitenteilen zur Bräunung von Oberarmen und Nacken ist nicht vorgesehen.
Ganz nach persönlichem Geschmack lässt sich ein Defender aber trefflich noch mit weiterem Zubehör einrichten. Zum Steigern des Komforts das eine – für Geländeausritte das andere. Im Weißkittel steckt das eine und das andere drin; ein Hobby von Kilzer Junior. Das Steuergeräte-Tuning der Firma SKN verleiht dem Landy laut Datenblatt Flügel. 380 Nm maximales Drehmoment soll der Aufgeblasene aufbieten und 147 PS bei 4200 min-1 abgeben. Keine Frage, so getunt läuft der TD5 wie der Teufel, aber der Blick in den linken Außenspiegel lässt einen gelegentlich rot werden vor Scham. Die Umprogrammierung lässt sich TÜVen, per Einzelabnahme. Man muss den Fahrzeugbrief einschicken und die SKN-Leute machen das dann irgendwie! Die schwarzen Rußschwaden beim Beschleunigen erwecken allerdings den Eindruck, als wären sie für ein gewöhnlich reinliches Abgaslabor der letzte Auftrag vor der fälligen Komplett-Renovierung.
Über die Schalensitze von König muss man nicht diskutieren, sie sind ein Segen erster Güte. Jeder Quadrat-Millimeter des Rückens wird gestützt, die Seitenwangen halten den Körper in jeglicher Art von Schräglage. Leichtes Entern des Führerplatzes ermöglicht das Sport-Lederlenkrad aus dem Land Rover-Zubehör. Ausreichend Nabelfreiheit hat man damit endlich obendrein.
Zu mehr Luft unterm Kiel verhilft das 2-Zoll-Old-Man-Emu-Fahrwerk, das vorn für vier und hinten für drei verschiedene Gewichtsabstufungen (Härtegrade) angeboten wird. Wegen der soliden Warn-M8274-Winde vor dem Grill verwendeten die Crailsheimer vorn die härteste und hinten die mittlere Ausführung. Wer es komfortorientiert liebt, sollte jeweils eine Stufe weicher zusteuern. Wer den Begriff "Geradeauslauf" an seinem Landy wiederfinden will, sollte auf den Einbau des "Caster-Kits" bestehen, das eigentlich zum Fahrwerk gehört. Es dreht die Vorderachse wieder im Uhrzeigersinn nach vorn, die durchs Höherlegen um ihre Nachlaufstrecke beraubt wurde.
Von außen sieht das Ersatzrad auf der Motorhaube rustikal aus, wie im Film Daktari in den 70ern. Anders denkt man, wenn man drinnen sitzt und rausschauen muss. Man kann die Leute, die draußen bewundernde Blicke herwerfen gar nicht sehen, weil sie vom Ersatzrad vollständig verdeckt sind. Bei den bewundernden Fußgängern am Straßenrand ist das ja nicht so schlimm, schlechter ist es mit Bewunderern in voranfahrenden Autos. Die sieht man auch nicht. Weder die Bewunderer noch ihre Autos. Das Reserverad im Blickfeld ist wirklich Geschmackssache!
Der Unterfahrschutz für den Motor und die Schwellerschutzprofile an den Seiten sind wichtige Ausrüstungen für ganz derbe Einsätze. Aber für beinharte Trophys ist der Weiße mit dem schwarzen Stoffdach eigentlich schon wieder viel zu schade.
Aber dieses Problem kann man ganz leicht lösen: Mit dem schicken Cabrio übers Land zuckeln und von der gnadenlosen Trophy einfach nur träumen.
Technische Daten
Motor: Diesel, 5-Zylinder-R, vorne längs, Turbolader mit LLK, 2-Ventiler, 1 oben liegende Nockenwelle, Pumpe-Düse-Einspritzung; Hubraum: 2491 cm⊃3;, Leistung: (SKN) 108 kW/147 PS bei 4200 min-1, max. Drehmoment: 380 Nm bie 2000 min-1,Schadstoffklasse: Euro2.
Kraftübertragung: permanenter Allradantrieb, 2-stufiges Verteilergetriebe mit Mittendifferenzial (sperrbar), 5-Gang-Schaltgetriebe.
Fahrzeugaufbau: Kastenrahmen, aufgeschraubte Cabriokarosse, 2 Türen, Heckklappe; 2 Sitzplätze.
Fahrwerk: Vorne: Starrachse, 2 Längslenker, Panhardstab, Schraubenfedern. Hinten: Starrachse, 2 Längslenker, Reaktionsdreieck oben, Schraubenfedern.
Bremsanlage: SA: 4-Kanal-ABS, vorne: innen belüftete Scheiben, hinten: Scheiben.
Lenkung: servounterst. Rollenfingerlenkung.
Felgen, Reifen: 7x16 Zoll; 265/75 R 16.
Abmessungen, Gewichte: Länge/Breite/Höhe 3970/1790/2015 mm. Radstand 2360 mm. Spurweite v/h 1486/1486. Kofferrauminhalt (VDA) 1600 Liter. Tankinhalt 59 Liter. Leergewicht 1790 kg. Zul. Gesamtgewicht 2400 kg. Zul. Anhängelast 3500 kg.
Text: Ronald Partsch
Fotos: Peter Kapser





