Dakar – Ein Traum in Gelb
Geländewagenfahrer sind Individualisten. Ihre Fahrzeuge unterscheiden sich schon fabrikneu vom Einheits-Massen-Mobil auf den deutschen Straßen. Doch das ist den meisten noch nicht genug: Mit speziellem Zubehör wird aus dem individuellen Fahrzeug ein Unikat nach eigener Fasson. Wenn es allerdings noch spezieller werden soll, muß selbst Hand angelegt werden: Dieter Pfaff, Reifen-Fachhändler aus dem bayerischen Städtchen Mömbris baute sich seinen Traum eines Geländewagens in mühevoller Kleinarbeit selbst zusammen. Das Ergebnis begeistert.
Schon seit einigen Jahren bietet die britische Firma "Dakar" Umbausätze an, mit denen aus handelsüblichen Rover-Geländewagen atemberaubende Geländecabrios mit futuristischer Optik entstehen. Nur wenige wagten sich bislang in Deutschland an den aufwendigen Umbau. Denn obwohl die Geländewagentechnik mit einem separaten Leiterrahmen den Austausch von Karosserien deutlich einfacher gestaltet, als dies bei selbsttragenden Pkw-Konstruktionen der Fall ist, bleibt der Arbeitsaufwand enorm.
Beim Dakar wird eine Karosserie aus glasfaserverstärktem Kunststoff auf den Rahmen eines Range Rover Classic oder Land Rover Discovery gesetzt. Hier zahlt sich aus, daß der 100-Zoll-Rahmen beider Fahrzeuge die gleichen Abmessungen und Aufhängungspunkte besitzt. Auch Federung und Achsen waren bei beiden Modellen identisch. So verspricht die Suche nach einem geeigneten Basisfahrzeug größeren Erfolg, denn sowohl vom alten Range Rover, wie auch vom bis Mitte 1998 produzierten ersten Modell des Discovery ist das Gebrauchtwagen-Angebot enorm.
Dieter Pfaff wollte allerdings keinen Kompromiß eingehen: Der Umbau sollte ein neuwertiges Fahrzeug ergeben, verbrauchte Basis-Fahrzeuge aus den frühen achtziger Jahren fielen daher von vornherein aus – auch wenn dies die Kosten deutlich gesenkt hätte. Der Zufall ließ ihm allerdings ein perfektes Grundgerüst über den Weg laufen: Ein wenige Monate alter Land Rover Discovery TDi mit gerade einmal sechstausend Kilometern, dessen Vorbesitzer unglücklicherweise einen Überschlag produziert hatte. Das verbeulte, aber technisch völlig intakte Fahrzeug wechselte prompt den Besitzer, die Arbeit konnte beginnen.
Von Dakar wird nur eine hohle Grundkarosserie geliefert. Die komplette Bodengruppe des Organspenders muß daher erhalten bleiben, also wurde der Discovery erst einmal gründlich "entbeint". So liefert das Basisfahrzeug neben der Bodenplatte auch die seitlichen Spritzbleche und Innenkotflügel sowie natürlich die komplette Innenraumausstattung. Mit Flex, Plasmaschneider und viel Geduld blieb ein skurril anmutendes Land Rover-Skelett auf den vier Rädern stehen. Hierauf wurde zunächst das Grundgerüst des Umbausatzes, ein kompletter Stahlrohrkäfig, gesetzt. Der wurde allerdings zuvor erst einmal gründlich entrostet und lackiert, das rohe Stahlgerüst wird von Dakar unbehandelt geliefert.
Der Käfig gab bereits die Grundform des Umbaus vor. An der Heckwand des zukünftigen Innenraums wurde der 110-Liter-Aluminiumtank befestigt. Der kostet wie das Verdeck extra, Dakar-Käufer können sich so vom blanken "Buggy" bis zum wetterfesten Allround-Auto ihr Wunschpaket zusammenstellen. Auf den grundierten und lackierten Stahlkäfig konnte anschließend die Kunststoff-Karosserie gesetzt werden. Das hört sich allerdings einfacher an, als es in Wirklichkeit war: Der Karosseriehersteller hat offensichtlich eine recht urwüchsige Auffassung von Paßgenauigkeit, so gingen etliche Tage ins Land, bis der Dakar-Body wirklich passend auf dem Fahrgestell verschraubt werden konnte. Alleine die Windschutzscheibe mußte Dieter Pfaff während des Umbaus dreimal ersetzen, weil durch die nicht bündig passenden Aufhängungen ständig Spannungsrisse entstanden.
Nachdem die Grundarbeit vollendet war, ging es an die Feinheiten. Bevor die ursprüngliche Verkabelung des Discovery, vom nunmehr unnötigen Ballast wie der Steuerung der elektrischen Fensterheber befreit, wieder ordentlich verstaut werden konnte, mußte zunächst die Elektrik angepaßt werden. Die Beleuchtung (nicht im Bausatz enthalten) wurde standesgemäß vom Land Rover-Defender übernommen, auch "Kleinigkeiten" wie die Elektrolüfter oder die Scheibenwischer mußten an die neue Karosserie angepaßt werden. Die Außenspiegel spendierte eine BMW M3, der Kühlergrill aus Edelstahl-Lochblech wurde selbst gefertigt. Nach der abschließenden Lackierung einzelner Komponenten konnte mit der Veredelung des fahrfertigen Dakar begonnen werden
Von SGS wurden speziell für den Dakar sämtliche Edelstahlbügel in Einzelanfertigung hergestellt. Die Front ziert nun ein Doppelrohr: Das untere Rohr zieht sich in gerader Linie um die "Nase", das obere Rohr verfolgt exakt den Schwung der Karosserieform und nimmt die Hauptscheinwerfer auf. Zum Schutz des Seitenschwellers wurden zwei Edelstahlrohre rahmenfest verschraubt, die nebenbei auch als Einstiegshilfe dienen können. Am Heck wurde ebenfalls ein kunstvoll geschwungenes Doppelrohr installiert, das die Form der Karosserie nachzieht und somit so perfekt aussieht, als sei es direkt vom Karosserie-Hersteller entworfen worden. Auf einen Umbau des Fahrwerks für bessere Geländetauglichkeit konnte dagegen verzichtet werden. Die Dakar-Karosserie besitzt einerseits so große Radausschnitte, daß problemlos auch die 33x12,5/R15-Reifen darunter passen. Zum anderen wird das Auto durch die Kunststoff-Karosserie erheblich leichter und "hebt" sich daher weiter aus den Seitenfedern.
Das sorgt als durchaus erwünschter Nebeneffekt auch für ein steiferes Fahrverhalten auf der Straße, wo Seitenneigung in Kurven kaum festzustellen ist. Die großen Fulda Tramp-Tour-Reifen wurden auf RH-Leichtmetallfelgen montiert. Um das optische Gleichgewicht zu verbessern, sitzen die Räder auf 30 mm breiten Spurverbreiterungen, außerdem wurde mit einer Lochkreisreduzierung der Einsatz handelsüblicher Fünflochfelgen möglich. Von SGS wurde auch die herausragende Bestuhlung geliefert. Die elektrisch verstellbaren Recaro-Sportsitze sind mit feinstem atmungsaktiven Stoff überzogen und lassen sich im Sommer per Ventilator kühlen, im Winter elektrisch beheizen, und für noch mehr Sitzkomfort mit einer aufblasbaren Lendenwirbelstütze individuell einstellen. Das optische Finish besorgen die Rücksitze aus einem Oldtimer: Ein Lancia Monte Carlo lieferte die Sitzgestelle, die mit Recaro-Stoff neu bezogen wurden – soviel Luxus muß schon sein.
Das Ergebnis des langwierigen Umbaus kann sich sehen lassen: Mit extravaganter Optik verspricht das Dakar-Cabrio Fahrspaß pur und ist ein Hingucker par excellence. Aufmerksamkeit erregt der gelbe Riesenbuggy an jeder Straßenecke, versierte Geländewagenfans geraten bei seinem Anblick vollends aus dem Häuschen. Denn nicht nur die Optik ist top: Durch die extrem kurzen Überhänge, das geringe Gewicht, die üppige Bodenfreiheit und die gute Basis-Technik des Discovery sind auch bei Geländeausflügen kaum Probleme zu erwarten. Dazu kommt, daß der Dakar voll alltagstauglich ist: Schließlich spendierte der Discovery nicht nur solide Geländewagentechnik, sondern auch moderne Annehmlichkeiten wie Fahrer- und Beifahrer-Airbags und die Klimaanlage.
Daß zudem mit dem sparsamen Direkteinspritzer-Dieselmotor dank des geringeren Gewichts auch ausgezeichnete Fahrleistungen bei niedrigerem Verbrauch möglich sind, macht die Faszination des Dakar noch größer. Eines allerdings ist der Dakar nicht: Ein billiges Vergnügen. Alleine die investierte Arbeitszeit von über dreihundert Stunden macht das Projekt zu einem kostspieligen Unterfangen, auch die Investitionen für Material und Komponenten liegen auf bemerkenswertem Niveau. Daß der Dakar in der Form, wie Sie ihn hier bewundern können, einen Gegenwert von 100.000 DM darstellt, verwundert daher kaum. Im Gegenzug erhält sein Besitzer aber das, wovon schließlich alle Geländewagenfahrer träumen: Ein absolutes Unikat, Individualismus pur.
Text: Torsten Seibt.
Fotos: Angelika Pfaff, Dieter Pfaff, Torsten Seibt




